Stolpersteine

Das größte dezentrale Denkmal der Welt

Wer beim Gehen an ein Hindernis stößt und stolpert kommt aus dem Takt, strauchelt und verliert eventuell das  Gleichgewicht. Stolpern ist aber kein Unfall,  es unterbricht nur den gewohnten Gang und lässt einen innehalten. Physisch gesehen muß man dann wieder Tritt fassen und so  zu seiner Normalität zurückfinden. Man kann aber auch psychisch stolpern. Das Hirn setzt für einen Moment aus, das Herz schlägt schneller, man wird aus der Bahn seiner normalen Gedanken und Gefühle geworfen und muss sich neu orientieren.

Genau diese Reaktion hervor zu rufen, war die Absicht des Künstlers Gunter Demnig, als er 1992 die sogenannten Stolpersteine erfand, im Pflaster von Straßen und Bürgersteigen eingelassene Gedenktafeln, mit denen er an verfolgte, deportierte, vertriebene und getötete Juden erinnern wollte.  Die Täfelchen werden vor den Häusern angebracht, die die letzte frei ausgesuchte Heimat von Menschen waren, die dann während der Naziherrschaft von hier in unterschiedlichste Lager deportiert  und ermordet wurden.

Die kleinen Messingtafeln mit den abgerundeten Ecken werden niveaugleich in  das vorhandene Pflaster eingefügt, sodass man nicht wirklich über sie stolpert, aber stehen bleibt und die knappen Zeilen liest, die über das Schicksal des oder der Erinnerten Auskunft geben: Name, Alter und wo bzw. in welchem Konzentrationslager jemand starb. Nicht selten steht man betroffen vor fünf oder sechs nebeneinander angeordneten Täfelchen, die anzeigen, dass hier das letzte Heim ganzer Familien war, die umgekommen sind.

Der große Vorteil der Einfügung der Gedenktafeln in das Pflaster von Bürgersteig oder Straße ist die Tatsache, dass beide Orte niemandem persönlich gehören, sondern Allgemeingut sind und nur die Kommune den Anspruch und das Recht hat, die Gedenktäfelchen anzubringen. Die Kommune muss niemanden um Erlaubnis fragen.

Würden sie an den Mauern des Hauses angebracht, wo die Erinnerten früher wohnten, gäbe es wahrscheinlich Ablehnung, Vorbehalte und Proteste. Denn nicht jedem gefällt die Idee der Stolpersteine, viele distanzieren sich von dieser Art der Erinnerung. Sogar Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München, findet es empörend, dss die Steine mit Füssen getreten werden und auf diese Art und Weise auch das Andenken an die ermordeten Juden.

Würden die Stolpersteine jedoch an Häuserwänden angebracht werden, unterlägen sie der Entscheidungswillkür der Hausbesitzer. Beim Verkauf solcher Häuser würden die Stolpersteine mitverkauft werden und den Besitzer wechseln. der mit ihnen anstellen könnte, was er für richtig hielte. Die Idee von Gunter Demnig hat ihre Zeit gebraucht, um zum größten dezentralen Denkmal der Welt zu werden. In Deutschland gibt es weit über 100.000 Stolpersteine, allein in Berlin sind es über 10.000 Stück und ihre Zahl nimmt weiter zu. Allerdings gibt es auch Städte wie Fulda und München, die es ablehnen, Stolpersteine zu setzen. Ihre Begründungen dazu sind schwer nachzuvollziehen.

Mehr als 30 weitere europäische Länder haben sich teilweise zögerlich der Stolpersteininitiative angeschlossen. Schaut man aber online die ungemein sorgfältige und umfängliche Dokumentation der europäischen Aktion Stolpersteine an, begreift man auch, dass viele Länder in ihrer Unterstützung nach wie vor sehr zurückhaltend sind und eher theoretisch als praktisch das Anbringen der  Erinnerung an jüdische Opfer des Naziregimes unterstützen.

In Bonn wird die Aktion Stolpersteine von der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalismus betreut und koordiniert. Sie bearbeitet und verwaltet ein riesiges Dokumentationszentrum mit den Akten aller  Personen, für die ein Stolperstein gesetzt wurde. Die  Dokumente umfassen Fotos, Briefe, Lebensläufe, Urkunden und anderes Material, das Auskunft über die Menschen und ihre Schicksale gibt. Bei Führungen lernt man die Menschen hinter den Stolpersteinen häufig in Fotos kennen, die sie lebendig werden lassen und den Namen und Daten der Stolpersteine persönliche Gesichter geben.

Stolpersteine kann man bei der Gedenkstätte in Auftrag geben. Sie kosten pro Stück 120 EUR. Die Gedenkstätte koordiniert ihre Herstellung mit Gunter Demnig, der die  künstlerische Aktion der Stolpersteine hat  patentieren lassen und mit einer großen Zahl von Mitarbeitern dafür sorgt,  dass die Würde dieser großartigen Initiative erhalten bleibt und nicht missbraucht wird.